Mit voller Energie
Wenn Gastronomen ihre Öffnungszeiten kürzen. Wenn energieintensiven Unternehmen die Abwanderung droht. Wenn die Absatzzahlen von Wärmepumpen und E-Autos zurückgehen. Dann hat das immer auch mit den Kosten zu tun, vor allem mit den Energie- und speziell den Stromkosten.
Das Mittelstandsbarometer für den Rhein-Kreis Neuss hat erst vor wenigen Tagen wieder gezeigt: Trotz der Stabilisierung der Stromnebenkosten (Netzentgelte und Umlagen) für die Industrie bleiben die Energiekosten eine der größten Herausforderungen im Zuge des Strukturwandels. Zumal die Beschaffungspreise für Strom insgesamt weiter auf hohem und deutlich über dem Vorkrisenniveau von 2021 liegen.
Was das alles kostet
Insgesamt hat uns der Ausbau der Erneuerbaren bereits über 300 Mrd. Euro allein für die Förderung von Erneuerbaren-Anlagen unter dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) gekostet. Getragen haben das die Steuerzahler und – über Strompreis und verschiedene Umlagen – Stromkunden.
Und das dicke Ende kommt erst noch. Bis 2030 dürften weitere Kosten in Höhe von mehr als 700 Mrd. Euro auf uns zukommen. Geld, das in den Ausbau der Erneuerbaren und der Netze fließen soll. Diese Dimension der Herausforderung müssen wir uns transparent vor Augen halten – um die richtigen Schlüsse für die weitere Strategie zu ziehen.
Die gute Nachricht ist: Wir werden es voraussichtlich relativ gut schaffen, den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung auf bis zu 80 Prozent oder gar mehr zu steigern. Aber je höher der Anteil, umso schwieriger wird es. Weil die Netze so schnell nicht mitkommen und wir gleichzeitig ausreichend gesicherte, steuerbare Kraftwerke benötigen. Das sind die Systemkosten und die werden immer teurer.
Deswegen brauchen wir jetzt vor allem eine Kostenwende. Sonst scheitert die ganze Energiewende.
Jetzt mal ehrlich
Wir müssen ehrlich sein: Der deutsche Ausstieg aus der Kernenergie war – auch klimapolitisch – eine Katastrophe. Die unter Unionsführung gefällte Entscheidung war ein Fehler. Der von der Ampel umgesetzte Ausstieg war bewusste Selbstschädigung.
Genau so ehrlich ist aber: Unter Unionsführung haben wir den Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland bereits bis an die 50 Prozent der Stromerzeugung geführt. Wir hätten dabei noch schneller sein können, auch pragmatischer – ja, sein müssen.
Eine Wende für die Wende
Wollen wir Industrieland bleiben (in manchen Teilen sogar erst wieder: werden) – will der Rhein-Kreis mit seinen energieintensiven Branchen Lebensmittel, Chemie und Aluminium eine Industriehochburg bleiben – dürfen wir auf keine Form der erneuerbaren Energieerzeugung verzichten. Dazu zählen eben nicht nur Sonne und Wind. Sondern zum Beispiel auch Bioenergie, Wasserkraft, Abwärme sowie Abwasserwärme oder Geothermie.
Auch wenn nicht für alle dieser Energiequellen gleichermaßen Potentiale im Rhein-Kreis bestehen – im Land insgesamt müssen wir diese unbedingt heben. Denn Autarkie ist weder für unsere Heimat noch das Land insgesamt die richtige Zielsetzung. Es kommt vielmehr auf Energiesouveränität an, etwa durch die Diversifizierung verschiedener Lieferpartner.
Grundsätzlich müssen wir weg von dem Gedanken: Energie produzieren wir nur noch unter Idealbedingungen, und dann kann auch nur die produzierte Energie verbraucht werden. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die bezahlbare Versorgung muss gesichert sein, die Nachfrage von Bürgern und Betrieben muss erfüllt werden. Und zwar zu jeder Zeit und unterbrechungsfrei. Dafür hätte die Ampel längst Ausschreibungen für ausreichend neue steuerbare Kraftwerke starten müssen. So ist bereits jetzt klar, dass Kohlekraftwerke über 2030 jedenfalls in der Reserve verbleiben müssen. Das 2030-Vorhaben der Koalition gerät damit in immer weitere Ferne.
In dem Zusammenhang ein aktueller Kommentar. Vor Kurzem hat uns der neueste Vorschlag der Ampel ereilt. Mit niedrigeren Netzentgelten belohnt werden sollen industrielle Betriebe, die netzdienlich Strom nachfragen, also zu Zeiten, wo besonders viel Wind weht oder Sonne scheint. Ich frage mich: Wie bitte sollen wir denn unter diesen Bedingungen die energieintensive Industrie bei uns halten können? Es wird jedenfalls nicht gehen, ohne diesen Unternehmen (etwa in Form der bestehenden 7000-Stunden-Regel für Dauerverbraucher) eine Lösung zu bieten.
Für die notwendige Kostenwende müssen wir an mehreren Enden gleichzeitig anpacken. Die Erneuerbaren ausbauen, so dass sie mit dem Netz zusammenpassen. Den Netzausbau realistisch und ohne Redundanzen planen. Die EEG-Förderung für Erneuerbare-Anlagen zurückfahren. Und dabei immer nach dem Prinzip handeln: Pragmatismus statt Goldrand, Marktlösungen statt Bürokratiehindernisse.
Auch die Energiebranche ist eine Technologiebranche. Vor lauter Fokus auf Sonne und Wind geht das verloren. Dabei gibt es ständig Fortschritt: Solarzellen werden effizienter, Batterie-Energiespeicher leistungsstärker, die CO2-Nutzung und -Speicherung attraktiver, bei der Kernfusion geht es (wenn auch langsam) voran. Auch diese Neuen Energien sollten wir schnell in unser Energiesystem integrieren können. Forschung und Entwicklung in diesen Bereichen müssen wir fördern, um für den Fortschritt offen zu bleiben. Da lohnt manchmal der Blick außerhalb Deutschlands, etwa nach Japan.
Diese notwendige Technologieoffenheit beginnt im Jetzt: im Wärmesektor, im Verkehrssektor, auch speziell etwa für den Wasserstoff-Hochlauf. Der sollte schnell, pragmatisch, bunt erfolgen. Mit dieser Wende kann die Energiewende so gelingen, dass wir Industrieland bleiben.